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Objekt des Monats

Juni 2021

Reisetagebuch „Schwäbische Reise“
Papier, Tusche, Aquarell
1947

(Städtische Museen Esslingen, STME 006850)

Eine Doppelseite aus dem handschriftlichen Heft „Schwäbische Reise“ mit einigen kleinen Bildern und handgeschriebenen kurzen Sätzen. Die linke Seite berichtet vom „5. Tag: zum zweiten Mal zur Schwäbischen Alb“. Mehrere detailliert gezeichnete Bilder und kurze Beschreibungen sind locker auf der Seite verteilt, darunter ein Kartenausschnitt mit Gleisen und einem Zug sowie Mauer-Reste der Burg Hohenneuffen. Daneben ist die Zugfahrkarte geklebt. Die rechte Seite zeigt den 6. Tag mit Sehenswürdigkeiten in Esslingen wie den Rathausplatz mit dem Alten Rathaus und das Münster St. Paul. Darüber steht die Anmerkung: „Die katholische Kirche wurde besichtigt. Der 3. Spaziergang zur Neckarhalde schloß sich an.“
Fotografie: Michael Saile

Spätsommer 1947: Ein junger Mann reist mit dem D-Zug 108 von Aachen nach Esslingen, um zwölf Tage mit seiner dort ansässigen Herzensdame zu verbringen. Von dieser „Schwäbischen Reise“ geblieben ist ein reich illustriertes Tagebuch, welches einen lebhaften Eindruck der verschiedenen Unternehmungen des Paares zwischen dem 28. August und 9. September 1947 vermittelt. Die acht gelochten Blätter sind mit einer Kordel in eine graue Halbleinen-Kladde gebunden und beidseitig aufwändig gestaltet. Auf ihnen werden in zahlreichen aquarellierten Bildern und kurzen Texten der Reiseverlauf und der Aufenthalt geschildert; ergänzt von eingeklebten Fahr- und Eintrittskarten, Programmblättern und Zeitungsartikeln.
Der reisende Verfasser und Künstler, 1947 wohl wohnhaft in oder bei Aachen, gibt sich namentlich nicht zu erkennen. Lediglich unter einer der Zeichnungen finden sich die Initialen W.T. Der aus einer Zeitung ausgeschnittene Name „Walter“, eingeklebt an Tag 9 im Tagebuch, gibt möglicherweise den Vornamen preis. Eine lose beigelegte Bleistiftskizze der Teck ist auf der Rückseite als Ausschnitt einer technischen Zeichnung zu identifizieren – könnte es sich bei W.T. um einen (ehemaligen) Studenten der Technischen Hochschule Esslingen handeln?
Wer sich hinter der schlanken, brünetten Herzensdame verbirgt, ist hingegen aufgrund der Provenienz des Objekts bekannt: Ursula Warsteit, Jahrgang 1919. Nach dem Krieg gelangte sie mit ihren Eltern aus dem ostpreußischen Königsberg nach Esslingen, wo Pfarrer Geiger die Familie im Dekanatsgebäude am Rathausplatz 4 aufnahm. Der gemalte Blick aus dem Fenster über den Kleinen Markt auf die Frauenkirche am Abend des dritten Reisetags spricht dafür, dass sich das Paar dort aufgehalten hat.
Der geschilderte Reiseverlauf beginnt am Donnerstag, den 28. August 1947, mit der Abfahrt in Aachen und – nach einem Zwischenstopp in Köln – der Ankunft in Esslingen am 29. August. Gemeinsam unternehmen W.T. und Ursula Warsteit in den kommenden zehn Tagen zahlreiche Ausflüge innerhalb Esslingens, aber auch in die nähere Umgebung: Die Teck, der Hohenneuffen und Stuttgart – das „Herz des Ländles“ – werden aufgesucht. Ein Besuch im Schauspielhaus in Stuttgart („Das Lied der Taube“) und je ein Kinobesuch im Central-Theater in Esslingen („Die gefundenen Jahre“)  und im Lichtspielhaus Esslingen („Das Mädchen von Fanö“) zeugen von einem lebendigen Interesse an kulturellen Veranstaltungen der beiden.
Alle Ausflugsziele, Unternehmungen und erinnerungswürdigen Momente sind liebevoll in kleinen Aquarellen festgehalten. Das Reisen und der Aufenthalt im Esslingen der Nachkriegszeit stellen sich daher im Tagebuch auf den ersten Blick sehr idyllisch und harmlos dar. Herausforderungen wie mangelnder Wohnraum, Hunger, Besatzung und andere Themen werden nicht explizit angesprochen, schimmern jedoch immer wieder durch. So wird am 6. September das Flüchtlingslager „Schwertmühle“ mit einem Besuch bedacht. Der Anlass dieses Besuchs geht aus den Aufzeichnungen nicht hervor, doch der Hintergrund, dass Warsteits aus Königsberg stammten, legt nahe, dass im Lager Bekannte oder Verwandte untergekommen waren. Einen weiteren Einblick in die Lage vermittelt auch die Zeichnung vom Ende des letzten Tages, als W.T. am 9. September den D-Zug 107 um 0.27 Uhr besteigt. Beide Waggons sind völlig überfüllt dargestellt, Passagiere scheinen sogar im Bereich des Wagenübergangs eng gedrängt zu stehen. Das ungehinderte Reisen zwischen Esslingen und Aachen, also der amerikanischen und der britischen Besatzungszone, war seit Jahresbeginn aufgrund des Zusammenschlusses zur sogenannten Bizone möglich.
Wie es mit dem Paar nach W.T.s Abreise weiterging und warum die Beziehung nicht in eine Heirat mündete, ist nicht bekannt. Ursula Warsteit blieb ledig und arbeitete als Säuglingsschwester im Städtischen Kinderheim in der Entengrabenstraße. 2017 verstarb sie im Alter von 97 Jahren in Sulzgries.