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73728 Esslingen am Neckar
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Fax (07 11) 35 12-55 26 13

Objekt des Monats

November 2020

Werbeaufsteller Esslinger Wolle
Lackierter Draht, bedruckte Hartfaserplatte
Mitte der 1950er Jahre

(Stadtmuseum im Gelben Haus Esslingen STME 006908)

Werbeaufsteller. Er zeigt eine Dame mit unterschiedlichen Wollknäueln der Esslinger Wolle
Fotografie: Michael Saile

Werbung im Einzelhandel ist in den 1950er Jahren noch großteils Schaufensterwerbung. Dazu wird neben der angebotenen Ware gerne ein Blickfang präsentiert. Das einfache lackierte Drahtgestell von etwa 50 cm Höhe mit dem großen geschwungenen und dem kleinen informierenden Schild ist für kleine Schaufenster gedacht und preist recht unspezifisch die Esslinger Wolle an. So kann dieses sparsame Werbemittel jedoch vielfältig und mehrfach eingesetzt werden. Außerdem kann man es wie eine Staffelei zusammenklappen und so leicht verstauen oder transportieren.
Der dünne, an den Enden spiralig aufgedrehte, weiß lackierte Draht, das in weichen Schwüngen ausgesägte asymmetrische Schild in Pastelltönen und die skizzenhafte graphische Gestaltung vermitteln zusammen ein Gefühl von unbeschwerter Leichtigkeit.

Das Motiv hat ein unbekannter Zeichner mit leichtem Strich gestaltet. Wir sehen eine in Rosa-Weiß gekleidete junge Frau mit einer hochmodernen hochgesteckten Frisur. Ihre überlangen Wimpern zeigt sie tief gesenkt, die rot gemalten Lippen hält sie fest geschlossen. Das weite Kleid mit Puffärmeln, Wespentaille und glockenförmig fallendem Rock lässt die schmalen Schultern frei – für die mittleren 1950er Jahre ist das schon recht gewagt. Sie trägt bis zu den Ellenbogen reichende weiße Lederhandschuhe, die damals einer eleganten Dame von Welt gut anstanden. Der üppige Blumenstrauß, den sie emporhält, besteht aus sechs kleinen roten Rosen und – erstaunlicherweise – acht farbkräftigen großen Wollknäueln. Davon sind fünf die traditionell aus einem Strang von Hand abgewickelten runden Knäuel und drei die damals neu entwickelten und bis heute üblichen, bereits in der Fabrik aufgewickelten und direkt zum Verstricken einsetzbaren ovalen Knäuel mit Banderole.

Unter dieses mit einem Kringelrand verzierte weißgrundige Motivschild ist ein zweites, kleines Schild auf den Drahtständer geklebt. Es wirkt wie ein nachträglich angebrachter Aufkleber: schräg angesetzt und ganz reduziert zeigt es auf gelbem Grund in Rot das traditionelle Signet und den Schriftzug der Esslinger Wolle. Dies ist nur der Hinweis auf die Firma, irgendwelche weitergehenden Informationen fehlen. Aber es ist ganz wichtig, denn so weiß man, wofür hier eigentlich Reklame gemacht wird. Das vertraute Zeichen der die Wolle vom Strang zu einem Knäuel aufwickelnden Frauen auf den Banderolen der Blumenstrauß-Knäuel ist dafür schlicht zu klein.
Es zeugt natürlich auch vom Understatement, mit dem die Esslinger Traditionsfirma Merkel & Kienlin hier auftritt. Diese national bedeutende Firma hatte es nicht nötig, mehr als ihr seit 1930 unverändertes Erscheinungsbild einzusetzen, da damals alle sofort wussten, wer hinter diesem Auftritt stand.

1929-32 hatte der später als Buchgestalter erfolgreiche Walter Brudi das Werbeatelier des Unternehmens geleitet, das sich im Bereich des heutigen Esslinger Merkelparkes zwischen Bahnlinie und Neckar erstreckte. Brudi hatte zum 100jährigen Jubiläum 1930, aber auch für lange Jahrzehnte danach das Logo sowie ein sachliches und meist Fotografie und Grafik kombinierendes Erscheinungsbild der bis in die frühen 1970er Jahre in Esslingen bestehenden Kammgarnspinnerei geprägt.

Bei diesem Blickfang wurde jedoch bewusst im scharfen Kontrast dazu in Stil, Motiv und Anmutung eine nicht reale Situation gewählt, die die informative Fotografie eben nicht verwendete, die jahrzehntelang die Esslinger Wollhefte geprägt hat, sondern eine traumhafte, stille, ein wenig absurde Stimmung in einem zeichnerischen Entwurf suchte. Präzise Information war bei diesem Hingucker auch deswegen entbehrlich, weil hinter dem Schaufenster das Wollgeschäft genau diese Information bot.