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Objekt des Monats

April 2021

Modell Kernkraftwerk SIEMENS-KWU »DWR 1300 MW Konvoi«
Papier
Mitte 1980er-Jahre

(J. F. Schreiber-Museum, JFS 700027)

Papiermodell eines Atomkraftwerks auf grünem Untergrund. Die Dächer des Reaktorgebäudes und des Maschinenhauses sind geöffnet.
Fotografie: Michael Saile

Während der Simulation eines totalen Stromausfalls kam es 1986 im ukrainischen Atomkraftwerk Tschernobyl zu einem unvorhergesehenen Leistungsanstieg. Kurz darauf explodierte der Reaktor-Block 4 und brannte in den folgenden Tagen aus. Eine enorme Menge an radioaktivem Material wurde in die Atmosphäre geschleudert und verseuchte das Umland Tschernobyls. Die nahe gelegene Stadt Prypjat, mit immerhin 49.000 Einwohnern, musste komplett evakuiert werden und ist auch heute noch unbewohnbar. Durch Windströme gelangten nukleare Partikel zudem weiter bis nach Mittel- und Nordeuropa. Diese Katastrophe jährt sich am 26. April 2021 zum 35. Mal.
Nach dem Zweiten Weltkrieg kam die Idee auf Atomenergie auch für friedliche Zwecke einzusetzen. Kostengünstiger Strom und neue Technologien sollten, so die damalige Auffassung, durch Atomenergie ermöglicht werden. Zur Stromversorgung der Bevölkerung entstanden in Deutschland zwischen 1970 und 1985 25 Reaktoren. Federführend war hierbei die Kraftwerk Union AG (KWU), einer gemeinsamen Tochtergesellschaft von Siemens und AEG, die 1969 gegründet wurde und lange Zeit eine Monopolstellung als Hersteller für Kernkraftwerke in Deutschland einnahm. Zu Beginn der 1980er-Jahre entwickelte die KWU die sogenannte „Konvoi-Reihe“. Wurde zuvor noch jedes Kraftwerk individuell geplant, gab es nun eine mehr oder weniger standardisierte Bauform, die letztendlich in drei Anlagen realisiert wurde.
Die Marketingabteilung der KWU suchte 1983 nach einer Möglichkeit die Konvoi-Reihe zu bewerben. Auf der Nürnberger Spielwarenmesse waren sie auf ein Kartonmodell gestoßen, bei welchem Dächer und Zwischenböden herausnehmbar waren. Dem Interessierten konnte so ein spielerischer Zugang zu den Informationen über die Kraftwerke ermöglicht werden. Für die Konzeption und Produktion wandten sie sich an den J. F. Schreiber-Verlag, für welchen ein Modell in dieser Größe und mit einem solchen Detailreichtum eine absolute Premiere war. Der Verlag beauftragte den Konstrukteur und Designer Thomas Pleiner mit der Erstellung eines geeigneten Kartonmodells. Dieser entwickelte innerhalb von acht Monaten einen Bausatz, der aus 18 Bogen mit 1.154 Teilen bestand. Das fertige Modell fasziniert besonders durch die abnehmbaren Dächer des runden Reaktorgebäudes und des Maschinenhauses, wodurch detaillierte Einblicke in das Innenleben und somit in die Funktionsweise eines Atomkraftwerks ermöglicht werden. Ein zentrales Element für das Marketing der KWU ist das dem Modell beiliegende Poster sowie eine Broschüre zur Beschreibung. Diese sollten „die prinzipielle Arbeitsweise eines solchen Kernkraftwerks vermitteln – damit der Bastler noch ein bisschen mehr von dem versteht, was er da gerade ausschneidet und zusammenklebt.“ Das weltweit beachtete Modell erschien in zwei Auflagen in deutscher und englischer Sprache. Die KWU stellte das Modell allen Energieversorgern – und somit potenziellen Kunden – der BRD zur Verfügung. Zudem wurden Informations- und Besucherzentren der bestehenden Kernkraftwerke, Schulen, Berufsschulen und andere Bildungseinrichtungen mit einem Exemplar versorgt.
Von der KWU wurde das Modell in großer Stückzahl verkauft, sodass es Mitte der 1990er-Jahre vergriffen war. Das eigentliche Ziel der Marketingkampagne, weitere Atomkraftwerke des Modells Konvoi zu errichten, wurde aber verfehlt. Der Baubeginn der drei realisierten Kernkraftwerke war bereits vor der Veröffentlichung des J.F. Schreiber-Modells. Die KWU plante zwar zusammen mit ihren Kunden sechs weitere Konvoi-Kernkraftwerke, jedoch wurden diese letztendlich nicht gebaut. Ein Hauptgrund war dabei das Reaktorunglück von Tschernobyl, durch welches die Probleme und Gefahren einer Energiegewinnung mittels Atomkraft stark ins öffentliche Interesse rückten. Spätestens seit 2011, als ein Erdbeben das japanische Atomkraftwerk Fukushima zerstörte, sind Neubauten von Atomkraftwerken in Deutschland nicht mehr gefragt.