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Objekt des Monats


An jedem ersten Dienstag im Monat um 18 Uhr präsentieren wir das Objekt des Monats  im Stadtmuseum im Gelben Haus im Rahmen eines Kurzvortrages.

 

August 2018

52x Esslingen und der Erste Weltkrieg

Lederwaren für den Krieg: Tornisterriemen aus Esslingen
Tornister M 1915
Segeltuch, Leder, Metall, Holz
Maße: 41x31x12cm

(Stadtmuseum im Gelben Haus, STME 005724)


Tornister waren seit dem 17. Jahrhundert als Rückengepäck für Soldaten gebräuchlich. Nach der Reichsgründung wurde 1895 der typische Tornister aus Rinder- bzw. Kalbfell und Leder eingeführt. Dieser erlebte 1907 und 1913 einige Änderungen, mit denen sich das Tragegewicht von 11,5 auf 9,7 Kilogramm verringerte. Nach Kriegsbeginn ersetzten grauer bzw. „schilfgrüner“ Stoff (und andere Ersatzstoffe) bisher aus Leder gefertigte Teile. Die Umstellung der Herstellung auf Segeltuch wie beim gezeigten Objekt erfolgte seit 1915, da es an Kalbfellen mangelte.

Der Tornister enthielt alles, was der Soldat benötigte. Neben einigen Munitionspäckchen waren dies Wäsche, Ersatzschuhe, das Waschzeug und das Sold- und Gesangbuch, aber auch die „Eiserne Ration“. Diese bestand aus Zwieback, Kaffee, Konserven mit Gemüse, Fleisch und Fett und etwas Salz. Zusätzlich wurden Mantel und Zeltbahn aufgeschnallt und außen an der Klappe das Kochgeschirr befestigt. Getragen wurde das Gepäckstück mit Hilfe der angebrachten Trageriemen. An ihnen war ein weiterer Riemen zum Einhängen in das Koppel angenietet. Dies führte zu einer besseren Verteilung der Last.

Den Kasten des ausgestellten Tornisters aus „schilfgrünem“ Segeltuch stabilisiert ein mit Stoff überzogener hölzerner Rahmen. Leder findet sich nur an den Außenkanten und am Tragesystem, den Trageriemen, Ösen zur Befestigung weiterer Ausrüstungsgegenstände sowie an der rückseitigen Unterkante. Im Innern befinden sich Stempel, die auf seine Verwendung beim Infanterieregiment 126 (8. Württembergisches) und das verantwortliche Armeekommando hinweisen. Ein anderer, kaum leserlicher Stempel dürfte mit der zuständigen Beschaffungsstelle in Verbindung zu bringen sein. Auf die mögliche Verwendung bei der Württembergischen Polizei nach 1918 deutet ein weiterer Stempel hin. Handschriftlich hat ein früherer Besitzer seine Initialen „A.Z.“ angebracht.

Die Lederteile wurden von drei Sattlereien hergestellt. Den rechten Tragriemen fertigte die Gerberei- und Treibriemenfabrik Gebrüder Steus in Esslingen, die ihren Sitz in der Krummenackerstraße 15 hatte. Die Brüder Wilhelm und Carl Steus gründeten sie 1872, nachdem Wilhelm Steus die dortige „Hemmingersche Hammerschmiede“ erworben hatte. Hergestellt wurden Treibriemen aus Ochsenleder für Transmissionen. Zur Firma gehörte eine eigene Gerberei, seit 1883 auch eine Sattlerei. 1886 wurde Wilhelm Steus Alleininhaber. Nach seinem Tod 1896 führten seine Witwe und die beiden Söhne Richard (1881-1958) und Theodor (1876-1935), die seit 1906 Inhaber waren, das Geschäft. Bis 1914 entwickelte sich die Firma gut. Es gab in regelmäßigen Abständen Investitionen, und zusätzliche Fabrikgebäude wurden gebaut.

Der Kriegsbeginn brachte dann nach Aussage von Richard Steus im Jahr 1922 „eine vollständige Stockung“ der Geschäfte. Dies ist eine in vielen Wirtschaftszweigen anzutreffende und als „Kriegsstoß“ bezeichnete Auswirkung der Umstellung von Friedens- auf Rüstungsproduktion. Durch den raschen Rückgang der Nachfrage nach Waren der Friedensproduktion und die erst allmählich einsetzende steigende Nachfrage nach Rüstungsgütern kam es häufig zu wirtschaftlichen Schwierigkeiten.

Wenig später kamen die Geschäfte allmählich wieder in Gang – auch wegen des gestiegenen Lederbedarfs des Militärs - und Gebrüder Steus stellte die Produktion weitgehend auf militärische Bedürfnisse um. Da die Firma jedoch bei den Beschaffungsämtern bisher nicht als Lieferant eingeführt war, war dies mit einigen Anstrengungen verbunden. Als die Fabrik später stillgelegt werden sollte, konnte dies zumindest in Teilen verhindert werden. Allerdings ging der Betrieb nur eingeschränkt weiter: Während die Gerberei viel Arbeit hatte, musste die Treibriemenfabrikation 1916 eingestellt werden, da angeordnet worden war, dass nur noch zwei Firmen in Württemberg Transmissionsriemen herstellen durften. Immerhin wurde der Firma gestattet, beschädigte Riemen weiterhin auszubessern. Besonders ärgerlich wird es gewesen sein, dass das in der Gerberei hergestellte Leder der Konkurrenz zur Verfügung gestellt werden musste. Dies galt auch für eingehende andere Aufträge. Im September 1918 begann dann aber wieder die Herstellung von Transmissionsriemen. Auch die Sattlerei fertigte Heeresaufträge, wie der Tragriemen des ausgestellten Tornisters zeigt. Über deren Umfang ist jedoch keine Aussage möglich. Das Schicksal der Firma während des Ersten Weltkrieges zeigt, wie stark sich auch in Esslingen die Auswirkungen der Kriegswirtschaft bemerkbar machten. Sie existierte bis 1979, verlegte 1972 ihren Sitz nach Stuttgart und wurde seit 1960 als "Großhandlung mit Transportbändern" geführt.
 

Hier finden Sie weitere Informationen zum Projekt

"52x Esslingen und der Erste Weltkrieg".